WESTLICHE KYKLADEN - Griechenland für Insider

Von Andreas Maar |24.07.2024

Die Westlichen Kykladen sind tatsächlich noch das, was man einen touristischen Geheimtipp nennen darf. Schon aufgrund des Umstands, dass die Insel nur per Fähre zu erreichen sind, stehen Sie im Abseits von Inselberühmtheiten wie Santorini, Mykonos oder Paros. Kaum einer kennt die Namen Sérifos, Sínos, Kimolos, Folégandros. Allenfalls Milos ist Einigen ein Begriff. Griechenland-Kenner wissen hingegen, dass sich hinter diesen Namen wahre Insel-Perlen verstecken, die fernab des Massentourismus sich ihre Ursprünglichkeit und Authentizität noch zu einem Großteil erhalten haben. Wer unverfälschtes, beschauliches Dorfleben, intakte Natur, ruhige Wanderwege und einfachere, aber typisch griechische Unterkünfte und Tavernen-Kultur zu schätzen weiß, der wird mit einer Reise auf die West-Kykladen unvergessliche Erlebnisse mit nach Hause nehmen. Per Fähre ab Piräus sind sie wunderbar zu kombinieren, und da jede ihren eigenen Charakter, ihren eigenen Schwerpunkt hat, wird man bei jeder Ankunft auf einer neuen Insel überrascht und ist wieder aufs Neue begeistert, dass man sich so viel Schönheit nicht wie andernorts mit Menschenmassen teilen muss. Wir waren im Mai (für mich der schönste Monat für Reisen ins Mittelmeer) unterwegs – und sind an den herrlichsten Orten tatsächlich oft vollkommen alleine gewesen. Mehr Remmi-Demmi herrscht auf den Inseln tatsächlich nur im Juli und August, wenn vor allem Griechen hier Urlaub machen. Davor und danach versinken die Inseln wieder in ihren sanften Rhythmus, der von Wind, Wellen und Ruhe bestimmt wird. Im Mai versinken die Inseln zudem in einen bunten Teppich aus Wildblumen – ein seliger Wandertraum!

Sérifos

Wenn ich mich denn unbedingt entscheiden müsste (was Gott sei  Dank nicht der Fall ist), dann wäre wohl Serifos meine absolute Lieblings-Kyklade. Schon die Ankunft ist die Wucht: Die weite Bucht von Livádi mit ihrem Strand und den grünen Tamarisken, wird von einem steilen Felsberg überragt, an dessen Spitze sich die schneeweißen Würfel der Inselhauptstadt Chóra klammern. Griechischer Bilderbuchblick Livádi selbst ist nicht spektakulär, aber gerade deshalb so sympatisch. Gemächlich geht es hier zu, die Leute sind freundlich, niemand hat es eilig. Warum auch! Die Uferstraße ist nur im vorderen Bereich asphaltiert, danach wird es staubig. Ein paar Restaurants und mit viel Liebe gestylte Bars ziehen sich hier entlang.

Lobeshymnen gleich welcher Art in vollem Umfang gerecht wird vor allem die Chóra. Lage, Architektur, Atmosphäre .... was eine Schönheit! Es gibt zwei Ortsteile: unten Káto Chóra, oben das spektakuläre Páno Chóra in Panoramalage in luftiger Höhe. Die Häuser und winzig-schmalen Gassen klettern in schon abenteuerlich zu nennender Art und Weise den steilen Bergkamm empor, sind teils unmittelbar an die senkrecht abfallende Felskante gebaut. Die Häuser sind hübsch renoviert, der Hauptplatz mit der Kirche, dem klassizistischen Rathaus und den zwei kleinen Lokalen mit ihren bunten Stühlen der hinreißende gesellschaftliche Treffpunkt. Viel treppauf, treppab in weißverfugten und adretten Gassen, dann steht man ganz oben auf dem Burgberg, dem Dach der Insel. Von der venezianischen Festung, die hier oben Sicherheit bot, hat die Zeit nichts übriggelassen. Dafür ziert den Ort heute ein kleines Kirchlein, ein Stück weiter unten gleich noch zwei - zusammen ein wunderbares Dreigespann. Der Blick schweift über den gesamten Südteil der Insel hinunter in die Bucht von Livádi, auf der anderen Seite über das Häusermeer des Ortes. Vom Strand unten ist der größte Teil des Ortes gar nicht zu sehen. Aus gutem Grund: Aus Angst vor Seeräubern erbaute man die meisten Häuser an der landseitigen Hangseite. Was ein Parorama! Alles ist Licht und Farbe und Anmut. All das präsentiert sich hier ganz ohne Tourismus-Schnickschnack. Ein kleines Wunder. Mögen die Massen weiterhin in den Gassen der Caldera-Orte Santorinis und in Mykonos-Stadt bleiben ... und mögen sich Oasen wie die Chóra von Sérifos noch lange ihr Gesicht und ihre Unschuld bewahren.

Eine hinreißende, wenn auch längere Wanderung, führt ab Chóra durch den Inselosten und Inselnorden mit dem kulturellen Höhepunkt des Erzengelklosters. Immer wieder famose Tiefblicke: Im Blau der Ägäis grüßen Sífnos, Kímolos, Mílos. Im freundlichen Dorf Panagía steht ein riesiger Olivenbaum vor der zentralen Kirche. Dieser unschuldige Baum ist ein Synonym für den südländischen Hang zum großen Drama: Um ihn wurde früher ein derber Tanz geführt, bei dem entschieden wurde, welches Paar zuerst heiraten durfte. Die jungen Männer schlugen sich dabei gegenseitig mit Oleanderruten. Der Sieger durfte den Tanz anführen - und heiraten. Was für Zeiten! Die Höhenpanoramawege ziehen sich weiter bis zum Troúlos-Höhenrücken (der Troúlos ist der höchste Berg der Insel), ehe es wieder Richtung Chóra geht und sich der große Wanderkreis des Tages schließt. Doch folgt bei der Georgskapelle als Höhepunkt noch der dramatische Abstieg entlang einem der schönsten Pfade der gesamten Kykladen. Er wurde in mühsamer Arbeit angelegt, um die Erzbergwerke um Méga Livádi mit der Chóra zu verbinden. Beim Hinabwandern erst ermisst man die immense Leistung der Erbauer. Die Fern- bzw. Tiefsicht auf Chóra, die rauhen Berghänge und das Meer sind zum Niederknien schön! Welch ein Abschluss dieser großartigen Tour!
 
Auf einer Inselrundfahrt per Mietwagen beginnen im Inselwesten die Spuren jener Zeit in der Landschaft sichtbar zu werden, in denen Sérifos vom Bergbau lebte. Dies geschah zwar auch schon in der Antike, doch ab 1867 wurden Eisenerz und Kupfer in großen Mengen abgebaut. Erst in den 1940er Jahren war Schluss, als man die Anlagen wegen der Konkurrenz durch Billigimporte aus Afrika stilllegen musste. Unzählige Terrassen durchziehen die Hügellandschaft. In verschwenderischer Vielfalt breiten sich im Mai die buntesten Blumen am Straßenrand und in den Wiesen aus. Ein Fest fürs Auge! Dazwischen immer wieder verrostete Förderanlagen. Méga Livádi, der ehemaligen Hauptort des Abbaus, ist heute eine verwunschen-ländliche Sommersiedlung am Ende der Welt, wo man herrlich die Zeit verbummeln kann. Wie sich die Zeiten mancherorts doch ändern. Auf den Wegen der Bergwerksanlagen sieht man überall handgeschmiedete Schienen, vom Rost zerfressene Loren, tiefschwarze Stolleneingänge und halb verfallene Verladerampen und Verschiffungsbrücken, die wie Mahnmale ins Meer ragen. Das alles würde fast etwas bedrohlich wirken, wäre da nicht die grüne und blühende Umgebung und das weite Blau des Meeres, die diesen unglaublich heiteren Kontrapunkt setzen. Unten im Ort sieht man die Reste der einst stolzen klassizistischen Fassade des Verwaltungsgebäudes. Unweit steht die ehemalige Schule. Auch hier Relikte einer verlorenen und untergegangenen Welt, der Zeit ausgeliefert. Hier haben einst viele Menschen gewohnt und ihr Brot mit dem Bergbau verdient. Und heute ... ein Lufthauch von Vergangenheit und Melancholie.

Die Strände kommen auf Sérifos nicht zu kurz. Der schönste ist die weite Sandbucht von Vagiá. Und was für Farben: Von Türkis bis Aquamarin-Blau. Die quasi unverbaute Strandschönheit hatten wir für uns allein. Ebenso die Buchten von Ágios Sóstis und – benachbart - Psilí Ámmos. Auf dem Weg riesige Kissen an Oregano in voller Blüte, ein Traum in Lila. Psilí Ámmos empfing uns mit einem wunderbaren Dünenstrand und - noch besser! - einer etwas erhöht gelegenen Terrassentaverne.

Und von unserer Unterkunft in Livádi war ich ohnehin so begeistert, dass mir der Abschied schwerfiel, als es nach drei Nächten weiter ging nach …

Sífnos

Diese Insel ist noch einmal deutlich grüner als Sérifos, das sieht man auf den ersten Blick. Unter den Orten ist Kástro zweifelsohne die Perle. Unsere Unterkunft dort toppt noch – wer hätte es gedacht – jene auf Sérifos. Der Balkon bietet einen einmalig schönen Blick auf das festungsartige Kástro, dahinter das weite Meer. Hier könnte man – weinlaubumrankt - auch einen ganzen Tag verbummeln und nichts weiter tun als diese Aussicht genießen. Um Kástro zieht sich schützend ein Festungsring von nahtlos aneinander gesetzten Wallhäusern mit fünf Zugängen um den linsenförmigen Ortskern. Um sich einen Überblick zu verschaffen, umrundet man auf dem Panorama-Spazierweg am besten die Siedlung. Hingucker und ein Griechenland-Motiv par excellence ist das Kirchlein Eptá Martíres an der Meerseite, das exponiert auf einer vorgelagerten Felsspitze thront. Ein malerischer Treppenweg führt dorthin - zu schön um wahr zu sein! Dann aber hinein ins Gassengewirr, das ganz mittelalterlich wirkt. Viele der Häuser besitzen Außentreppen, Steinbänke und bunte Holzbalkons. Sieht man genau hin, entdeckt man antike Spolien, die beim Bau verwendet wurden, venezianische Wappen zieren so manche Fassade und auch antike Steinsarkophage stehen hier und da herum. Nahtlos eingefügt sind diverse kleine Kirchlein. Alles ist sehr aufgeräumt und herausgeputzt und es macht uns Spaß durch das Labyrinth zu wandern. Und ein Highlight ist später zum Abendessen noch der Besuch in einem der drei Fischrestaurants (bei uns hatte nur eines geöffnet) unten in der winzigen Bucht Serália. Kaum zu glauben, dass dies einst der wichtigste Hafen der Insel gewesen sein soll. In 15 Fußminuten ist man unten. Das Lokal mit Mini-Terrasse direkt über dem Wasser mit gerade einmal zwei Tischchen ist denkbar einfach, authentisch und ganz ohne Schnickschnack, die Karte übersichtlich, die Preise erstaunlich günstig und die Qualität des Essens der Hammer!

Auch Sífnos entdeckt man gut mit dem Mietwagen – aber auch zu Fuß. Grün allerorten: Senken, Hügel und Berge mit Kapellen und kleinen Klöstern "on top", Terrassenfelder, Olivengärten - und  vielerorts leuchtend roter Mohn als besonderer Farbtupfer.

Sífnos bedeutet "die Leere". Dabei war Sífnos in der Antike für seine reichen Bodenschätze bekannt - verschiedene Erze, Blei, Silber und angeblich sogar Gold wurden in ausgedehnten Minenbezirken abgebaut. Im 6. Jh. v.Chr. galt Sífnos als eine der reichsten Inseln der Ägäis. Man belieferte u.a. Athen mit Gold und Silber für die Prägung seiner Münzen. Auf einer unserer Wanderungen kamen wir nach Artemónas. Der sympathische Ort empfing uns mit für die beschauliche Größe des Orts stattlichem Hauptplatz. Im "Margarita" fanden wir dort den perfekten Ort für eine höchst willkommene Mittagspause. Die Auswahl an unterschiedlichen Meze, die auf den Tisch kam, war ein kleines Fest und der Service wie immer sehr freundlich. Ich liebe diese Art des unkomplizierten Essengehens in Griechenland. In jeder noch so kleinen Dorftaverne wird oft einfach, aber immer frisch und mit Liebe das zubereitet, was die jeweilige Insel hergibt. Und das ist mehr, als man denkt. Und auch wenn sich die angebotenen Gerichte und Meze auf den Speisekarten wiederholen, schmeckt es doch nie gleich, variieren Rezepte und Zubereitung immer wieder aufs Neue. Artemónas selbst besitzt in den wieder blitzblanken Gassen so manche hübsche Fassade und Herrenhäuser aus der Zeit des Klassizismus.

Ein hübscher Ausflug führt in den Fischerhafen Fáros, ein weltfernes Fleckchen abseits von allem Trubel dieser Welt. Ein Küstenspaziergang führt zur Kapelle Àgios Karalambos, hinter der ein ebenso verlassenes wie verträumtes Häuschen kauert. Ein noch weltferneres Fleckchen von allem Trubel dieser Welt. Dann geht es geht in die nächste Bucht mit dem Apokoftó-Strand weiter und schließlich zum Kloster Chrissogigí, das schon von Fáros aus sichtbar ist, und das weit draußen auf seiner niedrigen felsigen Landzunge etwas trotzig und sehr malerisch im Meer hockt. Die Marienkirche besitzt eine legendenumrankte Ikone und einen aparten Marmortürstock mit Zypressen und Segelschiffen. Aber die Lage ist das doch das A und O. 

Die schönste Wanderung der Insel starteten wir in Platí Gialós, wo den Wanderer eine weite  Sandbucht mit kleiner Siedlung empfängt. Die Küste geht es entlang durch Oliven- und Wacholderwäldchen bis zur Bucht von Fikiáda - eine sehr charmante Tour mit tollem Finale. Die Bucht am äußersten Südzipfel von Sífnos ist nur per pedes zu erreichen und besitzt einen Traum von Strand! Malerisch steht hoch über dem Wasser am Hang der Bucht dann auch noch eine dem Hl. Georg geweihte Kapelle. Wer hier nicht ins Wasser geht, dem ist nicht mehr zu helfen. Es leuchtet in allen nur erdenklichen Blau- und Türkistönen: eine Badewanne der Wunschlosigkeiten!

Zurück in Platí Gialós speist man am besten bei "Mamma Mia" - diesmal italienisch. Platí Gialós ist ein wirklich urgemütlicher und wohltuend normaler Ferienort und kommt ganz ohne Mykonos-Schischi aus.

Der perfekte Ort zum Sonnenuntergangs-Picknick ist der Hügel mit dem Kirchkein Agía Marína, direkt steil über dem weiten Meer gelegen. Das stehts sich verändernde Spiel der Farben am Himmel - unvergesslich. Irgendwann ist alles Farbe, alles Licht, alles Stille ...

Mílos

Schon vom Schiff aus merkt man es: Mílos wird ganz anders werden als die beiden bisher besuchten Eilande. Mílos ist relativ flach und lange nicht so durchgängig bergig wie Sérifos und Sífnos, der Hafenort Adámas wirkt schon fast städtisch und aufgrund des höheren Bekanntheitsgrads (und der vielen wundervollen Bademöglichkeiten) ist es hier auch etwas voller (was für uns im Mai freilich immer noch ruhig bedeutete). Die Fähre wird von einer riesigen, fast kreisrunden Bucht, dem Órmos Mílou, quasi "verschluckt". Rechts und links breiten sich die beiden Hälften der Insel mit dem sehr markanten Grundriss aus. Auf der östlichen spielt sich fast alles ab, der Westen ist wild und menschenleer. Aufgrund der Größe der Insel ist ein Auto hier in jedem Fall empfehlenswert. 

Der größte Kultur-Banause hat wohl schon etwas von der Venus von Milo(s) gehört. Dass die berühmteste Griechin neben Maria Callas seit etwa 200 Jahren zur Exil-Französin wurde, trägt man hier wohl oder übel offiziell mit Fassung. Der Fundort kann besucht werden. Interessanter sind die nahen Ausgrabungen der einstigen Hauptstadt der Insel. Viel ist allerdings nicht mehr übrig aus antiken Zeiten, hier auf dem erhöhten Sattel über dem Golf. Ab 1100 v.Chr wurde die Stadt von einwandernden Dorern erbaut. Prunkstück ist das gut erhaltene röm. Theater wahrscheinlich aus dem 3. Jh. n.Chr. mit sieben Sitzreihen und wunderbarem Blick auf den Órmos Mílou. 

Sehr fotogen sind die Fischerhäuser von Klima - ganz ähnlich der Bootshäuser von Mantrakía (siehe unten). Wie bunte Perlen an einer Schnur liegen sie am Meer aufgereiht in allen erdenklichen Farben. Das Innenleben besteht meistens nur aus zwei Räumen: Unten liegt der "Wohnbereich" mit breitem Holztor, so dass auch das Boot in die gute Stube passt, oben der Schlafraum.

Was uns gleich zu Beginn unserer Wanderung in Filakopí empfing, verschlug uns fast den Atmen vor Begeisterung! Wir waren im Garten Eden gelandet ... Blumen, Blumen, Blumen, Farben, Farben, Farben! Gerade auf dieser Insel hätte ich diesen Überschwang der Natur am allerwenigsten vermutet, ist Mílos doch ziemlich karg. Der Küstenpfad beginnt hier. Wobei sich die Wanderung als eher pfadlos herausstellt, was aber weiter nichts ausmacht. Die Orientierung ist einfachst: immer am Wasser entlang der zerklüfteten, kargen und fast unwirklich erscheinenden Klippenküste mit einer Vielzahl von Landzungen. Eine Urlandschaft! Die Tour ist voller unerwarteter Eindrücke. Mancherorts sind in den Kalkfels getriebene Bootsgaragen, "Sirma" genannt, mit bunten Toren zu finden. Darüber ist ein Wohnstock aufgebaut. Die Häuschen werden wohl zumeist als Feriendomizil genutzt und teilweise auch an Touristen vermietet. Manchmal sieht man sie erst beim unmittelbaren Näherkommen, so versteckt liegen sie hinter den Felsen an den kleinen Naturbuchten. Welche Farben im Wasser, welch bizarre Landschaft. Die kumuliert in Sarakíniko, der eindrucksvollsten Stelle der Nordküste. Wind und Wellen haben hier eine die Phantasie anregend Mondlandschaft modelliert aus weich gerundeten und schneeweißen Sandstein- und Kreidefelsen. Mal fühlt man sich, als spaziere man auf dem Mond, mal inmitten weißer Wüstendünen. Endpunkt dieser gigantischen Tour ist die winzige Sommersiedlung Mantrákia. Auch sie liegt inmitten großartiger Felslandschaften. Jedes Haus hat seine eigene Sirma unten am kleinen Naturbecken. Das hübsch gelegene Restaurant mit verheißungsvollem Namen "Medusa" ist schlichtweg ein LIEBLINGSORT! Wir waren gleich öfter dort.

Zum Sonnenuntergang ist ein Ausflug zum Hauptort Pláka zu empfehlen, mit dem eigentlich so alles zusammengewachsen ist, was es auf dem Plateau hier oben an Siedlungen gibt, alle in der typischen weißen Kykladen-Würfel-Architektur. Pláka , das verwinkelte Hangdorf mit der alten, traditionellen Bausubstanz ist herrlich zu durchstreifen, doch Ziel zum Sunset ist das ehemalige venezianische Kástro hoch auf dem nördlich des Zentrums gelegenen Berg. Der Spazierweg ist recht romantisch und gewinnt mit jedem Meter Höhe an Dramatik. Vom Kástro sind noch die alten Mauerringe teilweise erhalten und auch Ruinen der Häuser, die früher Umfassungsmauer bildeten. Auf halbem Weg zum kleinen Gipfel prunkt die Kirche der Muttergottes des Meeres mit weißer Kuppel und natursteinbelassenem Glockenturm vor der Szenerie der weiten Bucht von Mílos, dem Órmos Mílou, und dem Meer. Oben an der Gipfelkapelle versammeln sich die Romantiker-Seelen. Der Blick ist fanstatisch: Der Norden von Mílos liegt einem hier zu Füßen, das Häusermeer von Pláka und man blickt hinüber zu den Inseln von Kímolos und Antímilos, neben der direkt der Sonnenball in der Ägäis versinkt.

Strände gibt es zahlreich. Für mich einer der schönsten ist jener von Pláthiena, gleich nördlich von Pláka gelegen. Weit und hoch darüber thont das Kástro. Im feinen Sand mit den Tamarisken lässt es sich aushalten.
Strände, wie man sie sonst wirklich nirgends zu Gesicht bekommt, findet man im Südosten von Mílos: "Schön" ist nun wirklich ein unzureichender Begriff. "Faszinierend" trifft es wesentlich besser. Die Felswände hinter den drei hintereinanderliegenden Stränden von Paliochóri und jenem von Firipláka bieten ein Farbspektakel sondersgleichen: leuchtendes Rot, blendendes Weiß, Ocker, Schwefelgelb, zartes Rosa, Terracotta, Dunkelviolett ... und geht man ins Wasser, meint man, in einen Regenbogen zu steigen. Die Szenerie ist unglaublich!

Hier, vor allem aber auch weiter östlich ist die Gegend, in der der Bergbau das eigentliche wirtschaftliche Standbein der Insel ist. Tatsächlich ist Mílos heute die einzige Kykladeninsel, die von ihren Bodenschätzen leben kann. Während der Antike wurden vor allem Schwefel, Alain und Bimsstein abgebaut. Dank der ausgeprägten vulkanischen und nachvulkanischen Aktivitäten im Inselgestein sind es heute eine ganze Reihe wertvoller Metalle und Mineralien, die in alle Welt ausgeführt werden. Die Vorkommen sind groß und geben der Mehrheit der Inselbevölkerung Arbeit. Der Tourismus spielt deshalb nur die zweite Geige. Überhaupt ist Mílos durch die vulkanische Tätigkeit entscheidend geprägt. Vor zwei bis drei Millionen Jahren eruptierte ein Vulkan, der riesige Mengen Bimsstein, Obsidian und Lava über die Insel warf. Heute bestehen die Küsten zu weiten Teilen aus Bimsstein, der höchste Inselberg ist ebenso wie der Burgberg von Pláka aus Lava. Einen knappen Kilometer unter der Insel brodeln glühende Lavamassen weiter vor sich hin! Sie sind auch verantwortlich für die zahlreichen und oft schwefelhaltigen Dämpfe und Thermalquellen, die an vielen Inselecken, wie hier am Paliochóri-Strand, aus dem Boden treten.

Kimolos

Die Insel ist als Tagesausflug von Mílos aus zu empfehlen und von dort schnell erreicht. Es wundert nicht, dass das kleine Kímolos seit jeher im Schatten der Nachbarinsel stand. Außerhalb des Hauptorts ist die wilde Insel kaum besiedelt, ein Großteil unerschlossen. Etwa einen Kilometer sind es vom beschaulichen Hafen hinauf zurChório. Neben der Chóra auf Sérifos und Kástro auf Sífnos ist der hiesige Hauptort schon das dritte Altstadt-Schuckstück dieser Reise. Naja, so ganz kann es mit den beiden nicht mithalten, denn dazu ist die Lage schonmal lange nicht dramatisch genug, aber man fühlt sich rundherum wohl. Wieder ist alles blitzeblank, es gibt ein paar nette Läden, auch Kunsthandwerk, das ebenso individuell ist wie die Gäste, die Kímolos als Ferieninsel wählen, lauschige und liebevoll hergerichtete Cafés, zahlreiche Kirchen und eine schöne alte Bausubstanz. Die Neubauten an der Peripherie fallen kaum ins Gewicht, eher schon die Reihe alter Windmühlen auf dem Kamm über dem Ort. Man merkt's: Wieder eine der Seiten aus dem Kykladen-Bilderbuch.

Folégandros

Der Fährhafen ist winzig, wie die ganze Insel. Erster Eindruck bei Ankunft: Karg und felsig und typisch kykladisch. Und wunderschön!!
Der Hauptort ist die Attraktion von Folégandros, was zum einen am Ortsbild liegt, zum anderen an zur Felskante, auf der die Siedlung in spektakulärer Weise thront. 150 Meter fallen steil zum Meer ab. Ein wenig erinnert die Lage an die Caldera-Orte Santorinis. Grandios also!
Der Ort selbst ist erwartungsgemäß wieder eine wahre Schönheit, wenngleich die touristisch am stärksten geprägte Altstadt dieser Reise. Das Allermeiste ist aber sehr liebevoll-stilvoll, Kunsthandwerk und Geschmackvolles dominiert eindeutig in den Läden, kaum einschlägige Touri-Kitsch-Shops. Nicht nur einige Bars und Läden tendieren ein wenig zum trendigen Myconos-Style. Doch im Mai ist noch Vieles geschlossen, auch Cafés und Tavernen. Mancherorts bekommen gerade die Holzstühle noch einen neuen Farbanstrich. Je weiter entfernt sich eine Kyklade von Athen befindet, desto später beginnt, desto früher endet die Saison, was wohl an den fehlenden Wochenendausflüglern aus Richtung Festland liegt.

Das Bummeln durch die Chóra ist Freude pur! Ein schattiges und lauschiges Plätzchen reiht sich an das andere. Neben den niedrigen Würfelhäuschen gibt es versteckte Gärtchen oder kleine Terrassenmäuerchen vor dem Eingang. Fotomotive an jeder Ecke und wer angesichts dieser Architektur hier nicht von "malerisch" spricht ...
Ältester Teil der Chóra ist wieder mal das Kástro-Viertel. Namen und Örtlichkeiten setzen keinen Aufschrei des Erstaunens frei. Doch das hiesige Kástro-Viertel weiß mit ganz besonderem Charme zu überzeugen: ein streng geometrischer Grundriss und die Gassen und Häuser wirken wie aus einem Guss. Weiß gekalkte Wände und Treppen, hölzerne, bunte Balkone, überwölbte Passagen, Übergänge zwischen gegenüberliegenden Häusern schaffen eine Vollkommenheit, bei der es abermals nicht verwundert, dass sich gerade moderne Architekten wie Adolf Loos oder Le Corbusier von dieser Formensprache begeistert waren. Gekalkt wird übrigens jährlich, meist vor Ostern. Im Laufe des Winters wäscht der Regen alles wieder ab.

Zum Sonnenuntergang steigt wohl fast jeder Folégandros-Besucher mindestens einmal hinauf zur Marienkirche Panagía, größte und schönste Kirche der Insel, Fotomotiv Nummer 1 und hoch über der Chóra am Steihang eines Kaps gelegen. Wer nicht gern zu Fuß geht, hat verloren. Autos sind, wie sehr oft auf den Kykladen, ausgeschlossen. Ein weißer Serpentinenweg zieht seine Spur schon von Weitem sichtbar durch den Steilgang. 

Auf einer traumhaften Wanderung lässt sich vom Hauptort ausgehend die Westküste – ausschließlich auf alten Eselspfaden – erkunden. Mit dem Bus geht es ab Áno Meriá zurück, dem zweiten Ort der Insel, nun, eigentlich mehr eine Ansammlung von vereinzelten Bauernhöfen. Ein Ortskern ist Fehlanzeige, aber die Taverne des Orts hat dankenswerterweise fast immer geöffnet. Eine zweite Wanderung führt zu herrlich einsamen Badebuchen. Mein Favorit ist die Bucht von Agios Nikoláos mit den schattigen Tamarisken.


Fazit

Ich kam voller Begeisterung, voller Erlebnisse und fantastischer Bilder in Kamera, Kopf und Herz aus diesem Urlaub zurück. Und plante schon die nächste Kykladen-Reise. Wenn Sie sich auch für diese stille Inselwelt abseits des Mainstreams interessieren, bin ich Ihnen gern behilflich … mit Flügen und Fähren, verrate Ihnen meine Unterkünfte (eine war schöner als die andere) und natürlich auch Restaurants und Tavernen. Schreiben Sie mich gerne an. Meine dreiwöchige Reise war nach diesen Inseln für Griechenland-Insider noch nicht vorbei. Es ging noch im Anschluss für 5 Tage nach Amorgós, das aber nicht zu den Westlichen Kykladen gehört und also in diesem Reisebericht nichts verloren hat. Wem auch diese stille und unbekanntere Insel interessiert – den verweise ich auf meinen Amorgós-Bericht auf dieser internet-Seite.


Herzliche Grüße!!

Andreas Maar

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