NEAPEL - Metamorphose einer Stadt

Von Andreas Maar |13.05.2024

Zu den festen Größen des europäischen Städtetourismus gehört Italiens drittgrößte Stadt zwar eher noch nicht, doch trägt sie mittlerweile klar das Prädikat „Trend-Metropole“. Das verheerende Image, ein Moloch der Kriminalität mit andauerndem Müllproblem zu sein, um den man eher einen großen Bogen macht, besucht man die Region des Golfs, hat die Stadt mit Erfolg bekämpft und abgestreift. Und die Probleme haben sich dahingehend gewandelt, dass der Wohnraum langsam knapp oder unbezahlbar wird, weil immer mehr Objekte inzwischen teurer an Touristen vermietet werden. Aber das kennt man ja auch aus anderen hippen europäischen Städten. – Neapel hat also so etwas wie eine Metamorphose hinter sich gebracht, ohne die eigene Identität zu verleugnen oder sich zu internationalisieren.
Mit dieser Metamorphose bleibt Neapel seiner Geschichte treu. Denn die Stadt war schon seit jeher ein Ort des Wandels, und - von Rom einmal abgesehen - gab es keine andere europäische Metropole, die den Wechselfällen der Geschichte stets so ausgesetzt blieb. Verfall und Erneuerung sind in der 2500jährigen Entwicklung Neapels stets das wiederkehrende Motto geblieben. So zeigt sich das Zentrum auch als wilder Mix der unterschiedlichsten Epochen: Ein Streifzug durch die vielen Dynastien, die abwechselnd über Neapel herrschten. Noch nie wurden die Zeugen früherer Zeiten geschont. So sie überhaupt erhalten blieben, wurden und werden sie ganz pragmatisch den neuen Erfordernissen angepasst, umgebaut, zweckentfremdet, angepasst, verändert. Man erkennt diesen praktisch-funktionellen Umgang mit Geschichte und deren Zeugen noch heute, wenn auf Türme von Stadttoren Wohnungen aufgesetzt werden und in noble Palazzi Supermärkte einziehen.

Jeder kommt in Neapel auf seine Kosten ...

... vom Kunst- und Kulturreisende bis zum Liebhaber langer Partynächte unter freiem Himmel. Jeder? Gut, der Erholungsreisende … der sollte wohl eher generell nicht in Städte und im Besonderen nicht nach Neapel reisen. Denn die Stadt schläft eigentlich fast nie (eventuell zwischen halb vier und halb sechs Uhr morgens). Und ja, sie unterscheidet sich von anderen berühmten Städten Italiens wie Rom, Florenz oder Mailand doch sehr, wie der Süden des Landes einfach überhaupt anders ist als der Norden oder die Mitte des Stiefels. Neapel ist deutlich lauter, sehr jung, die Leute sind weniger chic gekleidet, es ist chaotischer, was es aber auch so – ja, ich finde keinen anderen als den sehr strapazieren Begriff – „authentisch“ macht. Denn extra für den Touristen präpariert ist kaum etwas in Neapel, von den beiden Hauptmeilen der Altstadt, der berühmten „Spaccanapoli“ und der „Via dei Tribunali“ mal etwas abgesehen. Und selbst an diesen Pizza-lastigen Orten lässt sich die Jugend der Stadt von den Touristen-Gruppen nicht vertreiben.

Über eine Woche habe ich in dieser nicht im eigentlichen Sinn schönen, aber ungemein liebenswerten, fröhlichen und immer gegensätzlichen Stadt genossen, die den Fremden allerdings fordert. Doch hat man mal genug vom Vespa-Lärm: Ausflüge ins Grüne bzw. Blaue  gibt es zahlreich.

Hier meine Tipps für Ihren Aufenthalt:

Kulturelles:

Wo fang ich an, wo hör ich auf?! Das Gängige können Sie in jedem Reiseführer nachlesen. Also lesen Sie hier, was mich persönlich besonders beeindruckt hat.
Kirchen – vor allem barocke – gibt es an jeder dritten Ecke. Die prächtigste unter ihnen ist Gesú Nuovo – nichts weniger als ein Fest fürs Auge!. Für mich eine der atmosphärischsten: Der Kirchenkomplex Donnaregina mit barocker Hauptkirche und einer sehr intimen und versteckten alten gotischen Kirche mit famosen Fresken auf der Empore, die man oft ganz für sich alleine hat. Ein Ort der Ruhe und Kontemplation.
In der kleinen Kirche Pio Monte della Misericordia mit angeschlossener Pinakothek ist Caravaggios berühmtes Gemälde „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ zu bewundern. Seine „Geißelung Christi“ ist übrigens eines der absoluten Glanzstücke im Museo di Capodimonte auf einem der Hügel, die Neapel zum Golf hin einrahmen.
Kein Geheimtipp ist der mit Unmengen an Majolika geschmückte Kreuzgang von Santa Chiara, den man allerdings auch eher selten in Ruhe genießen kann. Möglich ist dies hingegen beim Kreuzgang des etwas versteckt und doch so zentral gleich bei der berühmten „Krippengasse“ belegenen Klosters „San Gregorio Armeno“. Dieser Kreuzgang ist ein wahrer Geheimtipp und eine grüne, wohltuende Oase im Tumult der Altstadt. Ein Lieblings-Ort!!

Natürlich muss man hinauf auf den Vomero-Hügel (Betonung im Übrigen auf der ersten Silbe). Und natürlich kann man das auf die bequeme Art machen - mit der Funicolare. Anstrengender, schweißtreibender, aber mit wunderschönen Ausblicken auf das Dächermeer und den Golf belohnt, wird der Aufstieg über die Scale del Petraio. Ein Treppenweg als Erlebnis! Oben erwartet den „Wanderer“ dann das wuchtige Bollwerk des Castel Sant’Elmo, das vor allem der Aussicht wegen lohnt. Kunsthistorisch deutlich interessanter ist die gleich darunterliegende Certosa di San Martino. Bei der barocken Ausstattung des außen eher unscheinbaren Klosters, war das Who is Who der neapolitanischen Künstlerelite beteiligt, und ein Gang durch die Säle und Kapellen von höchster künstlerischer Qualität lässt einen fast schwindlig werden. Das Ganze gipfelt in der Kirche. Beachten Sie auch die Details, etwa die Marmorarbeiten der Balustrade, die den Chor abgrenzt! Auch hübsch ist der in den Hang angelegte Garten des Klosters, in dem man sich vom barocken Überschwang etwas erholen kann.

Wenn Sie die Capella San Severo mit dem mit vollem Recht berühmten „Cristo Velato“ besuchen wollen (nein, Sie müssen das eigentlich machen!), unbedingt vorher im Internet (und frühzeitig!) das Ticket lösen. Vor Ort haben Sie kaum eine Chance!
Die Musiktradition der Stadt ist – ähnlich Venedigs – sehr alt. Neapel war einst das Zentrum der Musik und der Oper in ganz Europa. Tempi passati. Doch immer noch strahlend schön ist das riesige Opernhaus Neapels, das Teatro San Carlo. Wer keine der oft hochkarätig besetzten Aufführung sehen kann oder will, sollte sich zumindest einer Führung anschließen, um die plüschige Pracht in Dunkelrot und Gold zu bestaunen. Von der Besichtigung des benachbarten Palazzo Reale war ich persönlich hingegen ernüchtert (sieht man vom imposanten Treppenhaus ab).

Ausflüge:

Raus in die Natur, Akku aufladen. Das tut nach ein paar Tagen Napoli schon ganz gut. Die Schiffe auf die Berühmtheiten Ischia und Capri legen gleich im Hafen vor der Altstadt ab. Die beiden Inseln sind aber viel zu schade für einen schnellen Tagestrip. Da verweise ich auf meinen ausführlichen Reisebericht „Golf von Neapel“ auf dieser Seite. Procida, die dritte und deutlich weniger frequentierte der Inselperlen im Golf, kann ich für einen gemütlichen Halbtages-Ausflug hingegen wärmstens empfehlen. Schon die Anfahrt entlang der Küste ist wunderbar und auf dem kleinen Eiland angekommen, kann man hinauf in die Oberstadt und unbedingt in den alten Fischerhafen weiterbummeln, wo optisch das Italien der 50er Jahre überdauert hat. Kein Wunder, dass hier in diesem Hafentraum in Pastell schon so mancher Spielfilm gedreht wurde, wie „Il Postino“ oder „Der talentierte Mr. Ripley“.

Ein absolutes Muss ist natürlich ein Besuch Pompejis. Die Anfahrt ist denkbar einfach: Ab der Stazione Centrale geht es mit der Circumvesuviana (besser als mit dem normalen Zug; Achtung: extra Fahrkarten, erhältlich direkt an den Schaltern beim Eingang zu den Gleisen) zur Ausgrabungs-Berühmtheit. Wir haben die Tickets für Pompeji direkt vor Ort gekauft, was kein Problem war und auch keine Wartezeit mit sich brachte, obwohl der Zug rappelvoll gewesen ist. Am besten sollte man einen ganzen Tag einplanen und das Ticket inklusive der ein Stück entlang der Gräberstraße außerhalb gelegenen „Villa dei Misteri“ kaufen – das lohnt sich unbedingt! Die Fresken dort gehören zu den schönsten, die in ganz Pompeji entdeckt wurden. – Ich persönlich gehöre nicht zu denjenigen, die behaupten, wenn man Pompeji gesehen hat, würde Herculaneum nicht mehr lohnen (noch besser erhalten, viel weniger los, übersichtlicher – und auch mit der Circumvesuviana zu erreichen). Einem Besuch Pompejis unbedingt anschließen, sollte sich am nächsten Tag ein Rundgang durch die Sammlungen des Archäologischen Nationalmuseums in Neapel, wo der nicht ganz so Ausdauernde sind zumindest die Funde aus Pompeji und Herculaneum nicht entgehen lassen sollte. Es ist unglaublich, was man da alles zu sehen bekommt … vom nahezu perfekt erhaltenen medizinischen Equipment, das im Haus eines Arztes entdeckt wurde, über ein 118teiligen Silber-Service bis zu den Mosaiken (natürlich das in jedem Geschichtsbuch abgebildete Alexander-Mosaik, aber auch kleinere Kostbarkeiten, wie ein Mosaik der Musiker aus der Villa des Cicero). Dieser Museums-Besuch rundet den Besuch der Ausgrabungsstätte in perfekter Weise ab und gehört unbedingt dazu!
Übrigens: An jedem ersten Sonntag im Monat ist der Eintritt in alle staatlichen Museen der Stadt frei!

Am Abend:

Wunderbar - bei Sonnenuntergang die Uferpromenade (Lungomare) entlangschlendern und bei „Antonio & Antonio“ mit Blick auf das Castel dell’Ovo zu Abend essen. Weitere Restaurant-Tipps sind die Pizzeria „Evo 50“ in der Altstadt und – wenn man mal keine Lust auf die ebenso weltberühmte wie allgegenwärtige Pizza hat – das Ristorante „Amici Miei“ (unweit hinter der Piazza del Pebliscito gelegen; toll!!!). Am besten reservieren.
Wer danach nicht ins Bett möchte: Die Piazza Bellini mit jeder Menge studentischem Jungvolk ist der Hot-Spot des innerstädtischen Nachtlebens. Klaustrophobisch veranlagt sollte man besonders an den Abend-Klassikern Freitag und Samstag aber definitiv nicht sein. Wer es ruhiger und lauschiger mag: die Piazza San Giovanni Maggiore und die benachbarte Piazzetta Teodoro Monticelli. Ein Zentrum des Nachtlebens ist auch das Spanische Viertel und hier im Besonderen der „Maradona-Platz“, das Epizentrum des allgegenwärtigen Maradona-Kults. Hinein also ins nächtliche Vergnügen!

Was es sonst noch gibt:

Der Untergrund Neapels ist durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Die Touren, die man in diese dunkle Welt voller Geheimnisse unternehmen kann, sind zahlreich und durchaus unterschiedlich. Für mich war nicht die berühmteste der Touren (Napoli Sotterranea) die interessanteste, sondern die Tour „Galleria Borbonica“ oder auch die Tour unter das Kloster von San Domenico Maggiore, bei der man u.a. die Überreste des griechischen Forums sehen kann. Diese beiden Touren sind nicht so touristisch und werden mit kleineren Gruppen durchgeführt. Aber das ist – wie alles im Leben - Geschmackssache.

Wer mit der Metrolinie 1 unterwegs ist, wird Überraschungen erleben. So mache Station ist ein wahres Kunst-Highlight mit Wow-Effekt, allen voran die Station „Toledo“. Neapel kann also auch modern. So auch im unbedingt empfehlenswerten Museo d’Arte Contemporanea Donna Regina, abgekürzt MADRE. Zeitgenössische Kunst (auch Wechselausstellungen) mit Prädikat „Spannend“! Und für speziell Interessierte: Der verstorbene österreichische Aktions-Künstler Hermann Nitsch hat in Neapel sein eigenes Museum.

 

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Fazit

Ich persönlich finde es immer schön, vor einer Reise nicht nur Reiseführer zu wälzen, sondern auch in einen Roman einzutauchen, der an Ort und Stelle angesiedelt ist. So entwickelt man doch schon im Vorfeld einen anderen emotionaleren „Draht“ für das Reiseziel, kann – wenn man Glück hat mit der Auswahl – etwas in die „Seele“ der Stadt, der Insel, des Landes eintauchen. Bei Neapel ist mir das mit Elena Ferrantes Buch „Meine geniale Freundin“ auf ganz wundervolle Art gelungen. Ich möchte es Ihnen am Schluss wärmstens an Herz legen. Wenn Sie dann vor Ort durch das ursprüngliche Viertel „Sanitá“ spazieren (der Cimitero delle Fontanelle befindet sich u.a. hier), werden Sie sich an die Atmosphäre des Buchs erinnert fühlen. Und wenn Sie es vor Ort lesen möchten, dann kann ich Ihnen den ebenso versteckten wie verwunschenen Hinterhof-Garten des Palazzo Venezia in der Altstadt empfehlen, wo es sich unter Zitrusbäumen wundervoll schmökern – oder einfach zur träumen - lässt. 


Viel Schönes, viel Eindrückliches, viel Spannendes in bella Napoli wünscht Ihnen ...

Andreas Maar

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