5 Tage auf AMORGÓS - Die stille Schönheit
Von Andreas Maar |24.07.2024
Nach den Westkykladen (siehe Reisebricht auf dieser Seite) ging es am Ende der drei Wochen Inselhüpfen noch 5 Tage nach Amorgós, ganz im Osten der Kykladen gelegen. Durch den französischen Spielfilm "Le Grand Bleu" ("The Big Blue", zu deutsch "Im Rausch der Tiefe") von Luc Besson, der teilweise auf Amorgós gedreht wurde, ist die Insel aus dem Dornröschenschlaf geweckt worden. Dementsprechend sind es vor allem Franzosen, die die Insel gern besuchen, auch um die Drehorte aufzusuchen. Vom Massentourismus ist diese Kyklade trotzdem noch immer weit, weit entfernt. Amorgós entschleunigt. Die herben Gebirgs-Landschaften, die Tiefblicke aufs Meer, die Gerüche der allgegenwärtigen Kräuter, die einsamen Wanderwege und stillen Kapellen an entlegenen Orten ... all das streichelt die Seele.
1. Tag
"The Big Blue" heißt auch unsere Unterkunft, eine nette kleine Pension im Haupthafen der Insel (es gibt zwei Häfen), Katápola. Christos und sein Vater betreiben die Pension und von Erstgenanntem werden wir am Hafen auch herzlich Willkommen geheißen, in Empfang genommen und zu Fuß geht es ein paar Treppen nach oben. Das Zimmer und vor allem das Bad könnte mal eine Renovierung vertragen, aber vom Balkon unserer Zimmers und sogar vom Bett aus haben wir Meerblick und unter uns breitet sich die Hafenbucht von Katápola aus. Eine sehr sympathische Bleibe!
Unseren Wagen für die Tage haben wir vorgebucht und schon sitzen wir drin und machen uns auf den Weg in den fast menschenleeren Südwesten der langgesteckten Insel. Es gibt nur wenige kleinen Dörfchen. Die Landschaft wird von Trockenmauern und Terrassen durchzogen, dazwischen in schöner Regelmäßigkeit weiße Kapellchen, es ist karg und steinig und so irgendwie eben typisch kykladisch.
Das kleine Kloster Ágios Geórgios Valsamítis ist verschlossen. Es soll sich um ein uraltes Wasserheiligtum handeln. Gen äußestem Südwesten wird Amorgós immer flacher. Hauptziel des Nachmittags ist hier ein schon seit 1980 vor sich hinrottendes "Geisterschiff" tief unten in einer Bucht, in die wir hinunterwandern. Es diente als einer der Drehorte zu "Le Grand Bleu", was nicht verwundert ob dieser borbiden Szenerie. Wir kraxeln hier unten über die Hänge und sind ziemlich begeistert ob dieses Fotomotivs. Kein Mensch hier unten.
Ganz am "Ende" an der Spitze der Insel dann der Órmos Kalotarítissa, eine flache Naturbucht und vom Meeer aus parktisch nicht einsehbar, weshalb der Platz früher ein begehrter Ankerplatz für Piraten und Schmuggler gewesen ist. Der Strand ist verwaist. Ein paar Fischer reparieren und streichen ihre Boote und ihre bunten Netze trocknen in der Sonne.
In Kolofána, einem Straßendorf ganz in der Nähe, halten wir bei der Taverne "Apanemo" direkt an der Straße. Sie hat uns schon auf der Hinfahrt spontan angesprochen. Es ist noch etwas früh zum Abendessen, aber was kümmert das den Magen. Die Taverne mit ihrer zu dieser Zeit noch menschenleeren Terrasse (Blumen ohne Ende) ist ein Bild von einem gemütlichen Landgasthaus. Die Frau, die die Taverne zu führen scheint, ist äußerst bemüht und herzlich. Sie spricht mit Ausnahme von "thank you" kein Wort Englisch. Diese beiden Wörter werden aber in inflationärer Weise benutzt. Sehr süß! Unser Lob, das Essen betreffend, freut sie aufrichtig. Offensichtlich steht sie auch in der Küche.
2. Tag
"The winter is back", grüßt uns eine dicke Frau mit Kulleraugen in der Chóra, die wir heute als erstes besuchen. Es windet ziemlich heute.
Ja, ich weiß, ich hab schon in meinem Bericht über Sérifos und Kímolos und Folégandros und vielleicht auch noch andernorts von den jeweiligen Hauptorten in den himmlischsten Worten geschwärmt, aber die Chóra von Amorgós übertrifft sie dann doch noch alle, sogar die auf Sérifos ... obwohl. Ja, doch, ich denke schon. Aus Furch vor Piraten haben sie das Gewirr aus Wüfelhäusern, schattigen Gassen und Plätzchen hoch oben an den Bergkamm geschmiegt. Die Kirchen und Kapellen sind fast zahllos und hier und dort sind antike und mittelalterlche Spolien mit eingebaut worden. Überragt wird die Schönheit von einem knorpeligen Felszahn, auf dem einst das venezianische Kástro stand, von dem nichts mehr zu sehen ist. Wunderbar ist aber der Blick über das kubische Dächerlabyrinth hin zu den Windmühlen des Ortes.
Die Chóra von Amorgós besitzt viele stilvolle und liebevoll gestaltete Cafés und Bars, aus denen dezent-angenehme Musik kommt (kein Allerwelts-Pop wie sonst oft leider üblich). Stylisches Schicki-Micki-Mykonos-Getue gibt es nicht. Man bemüht sich um Authentizität - oder wahrscheinlich ist man einfach authentisch. Die Anzahl an Tavernen ist hingegen übersichtlich. Hübsche, kleine und feine Läden bieten Kunsthandwerk und Schmuck. Die Atmosphäre ist überall relaxt und die Menschen sind es auch, offen und freundich, man kommt leicht ins Gespräch.
Auf unserem Gassenbummel stoßen wir auf "Jazzmin", eine sehr urige Café-Bar, dessen Name ein Wortspiel ist aus Jasmin, der vor der Haustür blüht, und Jazz. Der Besitzer ist ein sehr markanter Typ und das turbanartige Gewickle um seinen Kopf lässt ihn fast etwas orientalisch aussehen, was wiederum zu seinem Etablissement passt. Wir werden nicht nur heute, sondern auch jeden Folgetag hier frühstücken. Orientalisch ist auch das Frühstück, wirklich etwas Besonderes und unglaublich lecker! Der Orient hat es dem Besitzer überhaupt angetan. Daher die spezielle Menü-Karte und das Ambiente. Ein Detail der Dekoration springt mir ins Auge: Schattenspiel-Puppen. Es sind die Überbleibsel des Puppenmachers Kostas Gerakis. Seine Kreationen aus gepresster Pappe, Figuren aus Geschichte, Mythologie und Folklore, haben ihren Ursprung in einer Zeit, als - ohne Fernseher und Kino - das Schattenspiel noch ein viel begehrtes Vergnügen darstellte. Als Kostas, einer der letzten Vertreter dieser Kunst, Ende der 80er starb, betrieb dessen Sohn lange das Café, das sich heute "Jazzmin" nennt, und stelle dort die Werke seines Vater aus. 2002 ist er selbst verstorben und der heutige Besitzer pflegt einige der Puppenrelikte mit Liebe.
Wir laufen eine kleine Ewigkeit durch Chóras Gassen, verlieren uns, verlieben uns in sie.
Dann kurven wir in den Nord-Ostteil der Insel, zuerst in den zweiten Hafenort mit Namen Egiáli. Die einzige nennenswerte Straße von Amorgós, die sich einmal durch das Eiland zieht, endet quasi dort. Wir kommen an einem der alten Wachtürme vorbei, wie es sie überall auf den Kykladen gab, zum Schutz und um sich von A nach B schnell verständigen zu können, wenn etwa Gefahr drohte. Amorgós muss aufgrund der langen Küstenlinie besonders viele von ihnen bessessen haben.
Egiáli in seiner netten Bucht dominiert das Inselleben im Nordosten. Die restlichen Dörfer zeigen sich vom touristischen Gesicht dieses Ortes vollkommen unbeeindruckt, sind weltabgeschieden und passen so wunderbar in diese wild-bergige Landschaft. Egiáli mit dem längsten Sandstrand der Insel (eine ausgesprochene Badeinsel ist Amorgós allerdings nicht), spricht uns wenig an. Katapóla ist wesentlich hübscher. Von Trubel aber natürlich hier auch noch keine Spur. Es ist kaum vorstellbar, dass sich durch die Gassen der Inselorte (allen voran natürlich Chóra) im Juli und August die Besuchermassen wälzen. Dieses Szenario haben uns einige Insulaner beschrieben, auch der Besitzer des "Jazzmin". "Dann verdienen wir hier unser Geld, in diesen beiden stressigen Monaten. Aber Anfang September ist der Spuk schon wieder vorbei und die Insel kommt wieder zur Ruhe."
Wir fahren weiter in das Bergdorf Tholária, das hoch über dem Meer an seinen Terrassen-Feldern klebt - fast kratzt es an den Wolken. Tholária ist wirklich nett. Überall in den Gassen (wie immer wie geschleckt) sind aus Kalk gemalte Blumen zu sehen - eine typisch griechische Ostertradition. In den Ort kommt man gerne rauf, um gut zu essen, und in der Saison herrscht gerade an Wochenenden viel Betrieb bis in die Nacht. Kann man sich an einem Tag wie heute kaum vorstellen.
Später, es ist schon Abend, starten wir bei herrlichem Licht noch zu einer kleinen Wanderung auf Eselspfaden, die sehr panoramareich einen Kreis um den Ortsteil Xilokeratídi macht und einen Höhenzug erklimmt. Die sich etwas unscheinbar im Wanderreiseführer lesende Tour ist eine Art Verlegenheits-Betätigung an diesem Tag, der schon fast zu Ende geht, entpuppt sich aber als echtes Highlight. Wer hätte das gedacht! Die Wege sind traumhaft, die Blicke im satten Licht der Abendsonne nicht minder. Wir begegnen wieder niemandem. Es ist ein ums andere Mal nicht zu gauben, dass wir all die Schönheiten dieser Reise so oft ganz für uns beide haben!
Am höchten Punkt angekommen und auf dem paradiesisch schönen Weg hinunter dann ein Kaiserblick auf die Bucht von Katapóla. Und unten am Meer wartet dann auch noch höchst fotogen die Panteleimon-Kapelle auf einer flachen Landzunge auf uns ... als Tüpfelchem auf dem i dieser kurzen, aber intensiven Wanderung. Welch wunderbarer Tages-Abschuss!!
Wieder im Ort angekommen, besetzen wir die windgeschützte Terrasse der Taverne "Youkali". Der Hunger ist mächtig und ich werde mit Linguini mit Shrimps und gescholzenem Feta verwöhnt. Zum Dessert bekommen wir eine Alkoholspezialität der Insel, Rakómelo, die schon Kultstatus genießt und aus Rakí, Honig und acht Gewürzen hergestellt wird. Nicht schlecht, zum Lieblingsgetränkt avanciert die hochprozentge Sache aber dann doch nicht.
3. Tag
Unsere Wanderung führt tief hinein in die Geschichte der Insel. Im Dorf Kamári starten wir eine Rundtour, dessen Höhepunkt das Kap von Alt-Arkesíni darstellt, eine der drei antiken Inselstädte, die um 1000 v.Chr. von Ioniern aus Náxos gegründet wurden. Hoch auf dem Kap gelegen, war die Siedlung fast uneinnehmbar, zugänglich nur über eine schmale Landbrücke, auf der der Wanderweg verläuft. Erhalten ist heute allerdings praktisch nichts mehr. Dort, wo heute eine Kapelle steht, soll einst ein Aphrodite-Tempel gestanden haben. Der Blick nach Norden reicht zur Hafeneinfahrt von Katápola und Chóra.
Es macht Spaß über die Felsen zu kraxeln und die Ausstrahlung dieses heute weltabgewandten Ortes zu spüren. Der Rückweg führt über die Kuppelkirche des Hl. Johannes auf dem Nachbarhügel ... und schon sind wir über das Dorf Vroútsi wieder in Kamári angelangt.
Fast ein Pilgerort für die Fans von "Le Grand Bleu" ist die die Anna-Kapelle direkt am Meer. Die Kapelle liegt da unter uns in der Landschaft wie auf der Seite eines Premium-Kykladen-Bildbands. Wir setzten uns neben den Weg, der hinunterführt. Dunkelblau bis Smaragdgrün das Meer, die Dramatik der Steinküste im Hintergrund, das strahlende Licht, Ruhe, Einsamkeit. Nichts fehlt, nichts ist zuviel. Nur Schönheit, nur Frieden um uns ... Das Herz ist weit.
4. Tag
Auf unserer heutigen Wanderung ab der Chóra kommen wir ziemlich zu Beginn zur berühmtesten Sehenswürdigkeit der Insel, zum Kloster Chosowiótissa. Ein in die Felsen gehauener Treppenweg führt dorthin empor und der Anblick ist schon von Weitem wirklich äußerst beeindruckend: Inmitten einer überhängenden, rostroten Steilwand am Meer klebt das blendend weiße Kloster am Stein - mit meterdicken Mauern und zwei mächtigen Stützpfeilern in eine natürliche Nische gezwängt. Ein wunderbarer Zusammenklang zwischen Natur und Architektur. Es handelt sich wieder um ein Wehrkloster gegen Piraten - natürlich, aber es ist architektonisch mit Sicherheit das interessanteste der gesamten Ägäis. Viele Mönche lebe hier zwischen Himmel und Meer freilich nicht mehr. Einstmals sollen es hundert gewesen sein. Sie alle haben sich auf den Berg Athos zurückgezogen. Gründer des Klosters waren wahrscheinlich Mönche, die Anfang des 9. Jh. vor Bilderstürmern aus Palästina flüchten müssten. Auf ihrer langen Irrfahrt kamen sie nach Amorgós. Und natürlich soll ihnen eine mitgebrachte Ikone der Muttergottes die richtige Stelle zum Bau einer Kirche gezeigt haben. Offensichtlich hatte sie ein Faible zu theatralischen Orten. Es gibt auch noch eine andere etwas umständliche Legende, die sich um einen Nagel dreht ... wie auch immer: Irgendwann zerstörten - die abweisende Lage hat offensichtlich nichts genützt - Piraten die Kirche. Im 11. Jh. aber wurde unter dem byzantinischen Kaiser Alexis Comnenos ein Kloster errichtet und in den folgenden Jahrhunderten zu einer starken Festung ausgebaut. Trotz mehrmaliger Eroberung durch Piraten wurde es niemals aufgegeben, sondern immer wieder verstärkt. In byzantinischer Zeit, aber auch noch in den Jahrhunderten danach, war das Kloster der eigentliche Kristallisationspunkt der Insel. Es besaß zahlreiche Ländereien nicht nur auf Amorgós, auch auf Sámos, Ikaría, Ios, Náxos und Santorini und galt als eins der reichsten Klöster ganz Griechenlands. Noch im 19. Jh. wurden unter Leitung der Mönche die verlassenen Kleinen Kykladen wiederbesiedelt. 1952 enteignete der griechische Staat dem Kloster sämtliche Ländereien und überschrieb sie den Gemeinden.
Oben erwähnter Marien-Ikone soll es übrigens auch zu verdanken sein, dass bisher kein einziger Mönch oder einer der zahlreichen Besucher von den immer wieder aus der Steilwand brechenden Steinen erschlagen oder auch nur verletzt wurde.
Besichtigt ist dieses Schwalbennest auf 300 m über dem Meer schnell. Zwar soll es in seinen acht Geschossen unglaubliche 65 Räume besitzen (bei einer Breite von nur fünf Metern!), aber freilich sind nur ein Bruchteil für die neugierigen Besucher zugänglich. Das Interessanteste für mich ist eigentlich gleich nach dem Betreten des Baus die irre schmale Treppe. Auf der rechten Seite sieht man den nackten Fels. Und dann ist natürlich der Blick von der Terrasse hoch oben phänomenal, wenngleich ich mich erst etwas an das blendende Licht gewöhnen muss nach der ganzen gedämpften Schummrigkeit der Kirche und sonstigen Räume. Nach der Besischtigung gibt es - wir kennen das bereits aus anderen Kykladen-Klöstern - Loukoúmi, dass pappsüße Konfekt ... sowie hier noch als Zugabe ein Gläschen vom Inselschnaps Rakómelo.
Herrlich ist der Weiterweg auf alten Eselspfaden hoch überhalb der Steilküste durch ein Meer von gelbem Stechginster. Unten schimmert in strahlendem Türkis das Meer. Was für Farben!!
Irgendwann wechseln wir die Meerseite, sehen dann - direkt auf dem Bergrücken wandernd - beide Küsten der schmalen Insel. Streckenweise auch etwas langweilig, wird es ab der Nikolauskapelle - im Hintergrund die Insel Nikouría (Spitzname "Schlafener Drache"), nochmal dahinter die Welt der Kleinen Kykladen - wieder ein purer Panorama-Genuß. Irgendwann kommen das Hangdorf Tholária und unten am Wasser unser Ziel Egiáli in Sicht, zu dem es ab dem Dorf Káto Potamós mit der großen Kuppelkirche defititiv hinuntergeht. Eine Stunde bleibt Zeit für ein Bierchen im Schatten mit Glitzer-Blick aufs Wasser, dann kommt auch schon pünktlich um 18 Uhr der Inselbus, der uns zurück nach Chóra bringt.
Sonnenuntergang an den Windmühlen von Chorá: Herrliche Wolkenstimmungen und Farbenspiele beschließen diesen bezaubernden Amorgós-Tag, das wir allerspätestens jetzt fest ins Herz geschlossen haben.
5. Tag
Letzter Tag auf Amorgós. Und es wird noch einmal ein ganz grandioser! Nachdem wir bei "Jazzmin" nach dem letzten Frühstück adieu gesagt haben, starten wir die erste Wanderung (ja, heute soll es zum Finale gleich zwei geben) am Ortsrand von Chóra. Wir steigen auf den Gipfel des Profítis Ilías auf etwas über 700 Meter Seehöhe. Je höher wir kommen, desto grandioser wird der Blick. Oben bei der Gipfelkapelle liegt uns die herbe Schönheit der Insel zu Füßen. Direkt unter uns wieder der "schlafende Drache", seit Ende des 18. Jh. und noch bis 1930 Verbannungsort für Leprakranke der umliegenden Inseln. Weiter weg "schwimmen" in der Ägäis eine Reihe von Kykladen-Perlen ... von Donoússa bis Santoríni ... und weiteres Insel-Raten beginnt. Sogar der Dodekanes oder Sámos sind auszumachen! Die Fernsicht könnte nicht besser sein.
Wieder unten beim Auto kurven wir weiter in den Nordosten nach Langáda, einer kleinen, ursprünglichen und sehr reizvollen Dorf-Idylle mit langen, abschüssigen Stufengassen, die hoch oben inmitten von Terrassenfeldern liegt. Auch hier ist es wieder aussichtsreich. Es geht in Richtung des zweiten - in doppeltem Sinn - Höhepunkts des Tages, zur einsam gelegenen Stávros-Kapelle. Die Szenerie, die Landschaft präsentiert sich in diesem Winkel vollkommen anders als im Rest der Insel. Das Karge, das Herbe weicht - wohl gerade jetzt im Frühjahr - hier einem üppigen Grün. Jede Menge Kermeseichen spenden Schatten. Ich fühle mich an Wanderungen in Italien oder Südfrankreich erinnert. Lediglich die Blumen halten sich in Grenzen. Es ist ein traumhaft schöner Weg hinauf mit Tiefblicken in Richtung Egiáli. Kleine Rast an der Barbara-Kapelle, dann ist schon unser erster Etappenziel, das Johannes-Kloster auf seinem Gipfel zu sehen. Bei uns würde diese weltentrückte Lage auf eine Gründung der Zisterziener schließen lassen. Es stammt aus dem 9. Jh. und wurde liebevoll restauriert. Die Anlage ist geöffnet und trotzdem ist - neben der Klosterkatze - keine weitere Seele zu sehen. Die Reinheit, die Einfachheit der Architektur inmitten der grünen Landschaft, das Tiefblau des Meeres gleich auf zwei Seiten - ein Platz der Vollkommenheit. Gegenüber der kleinen Kirche steht an einem kleinen Hof das Backhaus mit offenem Arkadenbogen zum Platz hin. Es riecht nach Geräuchertem, die Decke aus grobem Zypressenholz ist rußgeschwärzt. Ich setzte mich hinein mit Blick auf die Kirche. Nur ein paar Vögel sind zu hören und der Wind, der die griechische Fahne flattern lässt. Es ist nicht nur ein Platz der Vollkommenheit, sondern auch auch ein Ort des tiefen Friedens.
Wir wandern weiter, still und bewegt. Es ist noch ein weiter Weg bis zu unserem Ziel. Und abermals ändert sich die Szenerie. Nach einer Wegkurve fallen die Steilhänge plötzlich senkrecht ab, wir schweben fast über dem Meer. Blau überall. Die Natur macht stumm vor Staunen. Ziegen und Schafe, die in diesem unwegsamen Gelände klettern, sind unsere einzigen Begleiter. Einem Adlerhorst gleich thront dann auf den Klippen der Nordküste die Stávros-Kapelle. 700 m fallen von hier fast senkrecht ins Meer hinab: ein gewaltiger Anblick! Meer-Schauen - was ein Blau, alles in sich aufsaugen. Es ist der Endpunkt einer der herrlichsten Insel-Wanderungen, die ich je gemacht habe.
Schließlich geht es denselben Weg zurück. Als Langáda langsam wieder in Sicht kommt, glitzert das Meer in der Ferne dem Abend entgegen. An einer Weggabelung nehmen wir dann doch einen anderen Weg und gelangen "von unten" über einen Treppenweg zurück in das Dorf hinein.
Zum letzten Abendessen dann eine Taverne mit besonderr Lage im Dorf Potamós. Sie heißt "Kamara" und besitzt eine Terrasse mit wahrlich elysischem Panorama. Das Essen - wieder Meze hoch drei - wird bei diesem Blick schon fast zur Nebensache. Hinter Náxos verabschiedet sich die Sonne furios. Was ein Abschluss dieses Tages, dieser 5 Tage.
Fazit
Am Ende dieser Tage musste ich an das Zitat von Elke Heidenreich denken: "Auf jeder Reise will ich irgendwie bleiben".
Jassas!
Ihr
Andreas Maar
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